Aktuelles

Pressemitteilung vom 23. Oktober 2025

Theater STOK: Es geht weiter!
Peter Doppelfeld tritt nach 34 Jahren als Leiter des Theater STOK zurück. Ab Januar 2026 übernimmt ein Kollektiv aus neun Kunstschaffenden die Verantwortung und führt das Theater STOK mit bekannten und innovativen Ansätzen weiter.

Peter Doppelfeld tritt zurück
Wieder zeichnet sich für die Zürcher Theaterlandschaft eine kleine, aber bedeutungsvolle Entwicklung ab.
In 55 Jahren wurde das Theater STOK von 4 Personen geleitet: dem Gründer Zbigniew Stok mit Erica Hänssler,
ab 1992 von Erica Hänssler mit Peter Doppelfeld und seit 2019 mit Christina Steybe. Peter Doppelfeld erklärt
nun nach 34 Jahren Tätigkeit für dieses Theater seinen Rücktritt zum Jahresende. Ebenfalls auf Ende Jahr werden
die aktuellen Mitglieder des Vorstandes des Vereins Theater STOK zurücktreten.
Dazu sagt Peter Doppelfeld: „Ich hätte das Theater gern mit Unterstützung der Stadt weitergeführt. Nun bin ich
aber froh, dass das Theater STOK überhaupt eine Zukunft hat und von engagierten Leuten übernommen wird.“

Ein Kollektiv übernimmt die Leitung
Die Leitung übernimmt ab Januar 2026 ein Kollektiv aus Künstler*innen unterschiedlicher Sparten und Sprachen:
Tanz, Musik und Text, Ernsthaftigkeit, Lachen und Gastfreundschaft. Sie stellen sich erstmals der Öffentlichkeit vor
und erklären ihre Vision: „Unsere Bühne soll auch die Eure sein!“

Vermietung, Qualität und eigene Akzente
Für die Zukunft setzt das Kollektiv drei Schwerpunkte: Zuforderst steht das Theater STOK weiterhin für verschiedene Gruppen der Zürcher Kulturszene offen. Dazu sagt Betty Dieterle: „Wir sind ein offenes Haus für Projekte aus allen Sparten und besonders für alles, was sich nicht einer Sparte zuweisen lässt.“ Sandrine Charlot Zinsli ergänzt: „Uns ist wichtig, dass auch das frankophone Zürich weiterhin einen Ort hat.“ Stefi Spinas verrät bereits: „Das Vermietungskonzept werden wir nur leicht anpassen und etwas flexibler gestalten.“

Damit das Theater STOK attraktiv bleibt, wird das Kollektiv in die Technik investieren. Luciano Marinello erklärt: „Scheinwerfer, Licht- und Tonanlage sind nicht mehr auf dem aktuellen Stand und sollen möglichst schon im nächsten Jahr erneuert werden.“ Ladina Bucher ergänzt: „Mit einer flexibleren Bestuhlung würde der Raum auch für Tanzaufführungen noch attraktiver.“

Natürlich wird das Kollektiv auch eigene Akzente setzen. Vorerst wird jeweils der letzte Montag im Monat als Event des Kollektivs geplant. Dazu nochmal Betty Dieterle: „An diesen Abenden wollen wir unsere Kunst aus verschiedenen Sparten verbinden und feiern.“ Daphne Kokkini ergänzt: „Uns ist die Verbindung zum Altstadtquartier wichtig. Darum werden diese Abende auch einen grossen Apero und viel Zeit zum Austausch haben.“ Weitere inhaltliche Akzente des Kollektivs sind in Planung, so wird es Ende Januar eine Woche lang „Jazz im STOK“ geben. Tobias Grimbacher verrät: „Wir haben viele Ideen, die wir zusammen umsetzen möchten. Vorerst stehen aber die Übernahme der Geschäfte und die reibungslose Vermietung im Mittelpunkt.“

Leitbild
Theater STOK – Die Kollektiv-Bühne

Wer wir sind – die Menschen, der Ort
Wir sind Künstler*innen unterschiedlicher Sparten. Wir sind jung und alt, kommen aus der Schweiz, aus Europa
und Lateinamerika. Unsere wichtigsten Sprachen sind Tanz, Musik und Text, Ernsthaftigkeit, Lachen und Gastfreund-schaft. Unser Zusammenkommen als Kollektiv war nicht geplant, es war eine Folge der Umstände. Engagement, Offenheit und Vertrauen sind die Grundsteine unserer Arbeit.

Das STOK ist ein kleines Theater mit Charakter im Herzen von Zürich. Es ist ein stolzes armes Theater, das aus der Einschränkung Kraft schöpft. Das STOK öffnet sich: Es baut Brücken zwischen Kulturen, diversen Kunstformen, Bewohner*innen verschiedener Quartiere und zwischen den Generationen. Die Auseinandersetzung zwischen dem Fremden und dem Eigenen ist produktiv – wir pflegen sie: Unsere Veranstaltungen sind einem humanistischen und feministischen Menschenbild verpflichtet, Freiheit und Gerechtigkeit gelten uns viel.

Was wir tun – Niveau und Geborgenheit
Gemeinsam, im Kollektiv, beleben wir das geschichtsträchtige Theater STOK am Hirschengraben 42 in Zürich neu.
Wir ermöglichen qualitativ hochwertige Bühnenprojekte, sowohl eigene Produktionen als auch solche von anderen  Künstler*innen.
So, wie wir unter uns verfahren – gleichberechtigt und auf Augenhöhe – halten wir es auch mit externen Veranstalter*innen: wir bieten das STOK zu niederschwelligen Bedingungen an. Unsere Bühne soll auch die Eure” sein! Damit sich auch Besucher*innen im Theater daheim fühlen, führen wir ein gastliches Haus. Wir geben Raum für thematisch aktuelle, transkulturelle und interdisziplinäre Produktionen.

Wie wir arbeiten – Organisation und Finanzen
Unsere Arbeitsweise richtet sich nach dem soziokratischen Organisations-Modell. So sind alle Mitglieder des Kollektivs mitverantwortlich in die Entscheidungen eingebunden. Unser Trägerverein Theater STOK sichert uns institutionell ab. Wir arbeiten zunächst überwiegend ohne Entlöhnung. Wir investieren unsere Energie in die einzigartige Verbindung von Bühne und Publikum an diesem besonderen Ort.
Wir finanzieren das Theater STOK hauptsächlich über die Erträge der Fremd- oder Eigenproduktionen und teilweise über Drittmittel.

Kontaktpersonen für die Presse:
Aktueller Leiter des Theaters Stok: Peter Doppelfeld: theater_stok@bluewin.ch   Tel: 044 271 20 64
Ansprechperson für das Kollektiv: NN,  stoko42.kollektiv@gmail.com

Das Kollektiv:
Ladina Bucher, Tanzkünstlerin und Choreografin, LaDina Bucher
Sandrine Charlot Zinsli, Kulturvermittlerin und Moderatorin, Aux arts etc.
Ivan Denes, Musiker und Musikpädagoge, Le Pli, Festival « Las Noches
Betty Dieterle, Regisseurin, Schauspielerin und Kabarettistin, Bettina Dieterle
Tobias Grimbacher, Amateurtheatermensch, die dramateure zürich
Daphne Kokkini, Visuelle Künstlerin und Architektin, werkraum / terrasse ensemble
Luciano Marinello, ehemaliger Unternehmer und Tubist
Roger Nydegger, Regisseur und Autor, Verein Kuckuck-Produktion / Verein Tanztheater Dritter Frühling
Stefi Spinas, Pianistin und Musikkonzepte, Ensemble Miroir


Peter Doppelfeld: Abschied vom THEATER STOK
1992 trat ich mit 33 Jahren ins THEATER STOK ein. Zusammen mit Erica Hänssler leiteten und bespielten wir 25 Jahre lang das Theater bis zu ihrem frühen, durch den Krebs verursachten Tod im Januar 2016. Ars longa vita brevis – nach diesem Aphorismus über die Länge der Kunst und Kürze des Lebens – stand ich vor der Aufgabe, das THEATER STOK weiter zu führen. Das hiess: Entscheidungen zu treffen in Richtung Veränderung und Weiterentwicklung. Weil mir schon 2016 bewusst war, dass ich das Theater nicht alleine werde weiterführen können, suchte ich nach einer Person für die Co-Leitung. Der erste Versuch scheiterte. In den Folgejahren engagierte ich für die Eigen- und Co-Produktionen temporär Regisseure, SchauspielerInnen, MusikerInnen und erweiterte das Gastspielspektrum.

Im Januar 2017 begann das Projekt des Präsidialdepartements „Neue Tanz- & Theater-Landschaft Zürich“, mit dem Ziel, die städtische Kulturförderung in den beiden  Bereichen zu ändern. Im Laufe des dreijährigen Prozesses wurde mir klar, dass das THEATER STOK nur dann eine Chance für eine Weitersubventionierung haben würde, wenn das Theater ein Konzept vorlegt, welches den aktuellen Prozess, in dem sich das Theater damals bereits befand, nicht nur auf dem Papier aufzeigt, sondern schon vor der Einreichung im Juni 2022 durch sichtbar Vorhandenes darlegen kann. Eine hoch motivierte Regisseurin (Miriam Lustig) wurde 2020 fest angestellt, die trotz Covid, in einem Jahr drei neue Eigenproduktionen realisierte und am Konzept für die Zukunft des Theaters mitschrieb und Projekte präsentierte.

2020 war ein besonderes Jahr für das THEATER STOK: es feierte, mitten in der Covid-Pandemie, seinen 50. Geburtstag mit einer öffentlichen Ausstellung im Stadtarchiv. Für die Realisierung stellte ich 2019 eine Kuratorin (Christina Steybe) an. Drei Monate lang, von Juni bis August 2020 konnte sich die Öffentlichkeit und die Kulturabteilung der Stadt Zürich über das 50-jährige intensive Kunstschaffen des THEATER STOK informieren und staunen. Anschliessend arbeitete Frau Steybe ebenfalls am Konzept mit und leistet für das Theater bis heute in verschiedenen Bereichen unterstützende Arbeit.

Im April 2023 entschieden eine Jury und die Stadtpräsidentin Frau Mauch, das THEATER STOK ab 2024 nicht weiter zu subventionieren. Begründung: „Das Konzept ist für die Jury ideell überzeugend, weist aber in Bezug auf Realisierbarkeit und Umsetzungsfähigkeit wesentliche Leerstellen auf.“ Nach dem Schock mussten alle Pläne für die Zukunft zurückgestellt und die Regisseurin entlassen werden. An neue Eigenproduktionen konnte nicht mehr gedacht werden.

Zusammen mit dem Theater Keller62, welches in derselben Lage war, sammelten wir mittels einer Petition über 6000 Unterschriften um Frau Mauch zu überzeugen, den Entscheid zurückzunehmen. Dies und weitere Bemühungen waren vergeblich. Nachdem der Rekurs beim Bezirksrat im Januar 2024 zu unseren Ungunsten entschieden wurde, kam der Vereinsvorstand zum Schluss, den Fall nicht weiter ans Verwaltungsgericht zu ziehen. Wir versuchten mit Beratungen, einem Business-Plan und Fundraising eine für die Zukunft finanziell tragfähige Lösung zu finden. Die Antworten auf unsere Gesuche waren enttäuschend. Die Suche nach einer Lösung wurde uns durch das Präsidialdepartement erheblich erschwert, weil wir über ein Jahr auf einen Entwurf eines Mietvertrags und den damit verbundenen neuen Bedingungen ab Januar 2026 warten mussten. Im März 2024 wurde uns in einem Treffen mit der Immo der Stadt Zürich (Besitzerin des Gebäudes worin sich das Theater befindet), mitgeteilt, dass ein symbolischer Mietpreis nicht möglich sei. Ab 2026 müsse das Theater die Miete von 60‘000 Franken pro Jahr übernehmen.

Ein fundamentaler Unterschied zu all den Jahren vorher in denen, wie bei den anderen Kulturhäusern die der Stadt gehören, diese immer vom Präsidialdepartement übernommen worden war. Der für die Umstellung auf die neuen Bedingungen gesprochene Abfederungsbeitrag“ für die Jahre 2024 und 2025 hätte den Theaterbetrieb nur um ein bis maximal zwei Jahre aufrechterhalten.

Durch die genannten Umstände kam ich im Laufe des Jahres 2024 zum Entschluss, nicht mehr selber nach einer Zukunft für das THEATER STOK zu suchen. Beabsichtigt war ein anderer Vorgang: zusammen mit der 2020 angestellten künstlerischen Leitung hätten wir während der laufenden Konzeptphase, 2024 bis 2029, eine zweite Person für die Leitung des Theaters angestellt und nach einer Übergansperiode für den Erfahrungstransfer wäre ich, noch vor Eingabe des neuen Konzepts zu Händen des Präsidialdepartements 2028, als Leiter des Theaters zurückgetreten. Das war nun nicht möglich.

Weil mir wichtig ist, dass das THEATER STOK weiterleben soll, lud ich im November 2024 eine Reihe von Kunstschaffenden, die zum Teil schon viele Jahre im THEATER STOK auftreten, ein, um sie über die Situation und über meine Absicht zu informieren, dass eine Nachfolge-Person oder Organisation gesucht wird. Im Laufe des Jahres 2025 entstand aus diesem Kreis ein Kollektiv aus 9 Personen, welches motiviert ist, das THEATER STOK ab 2026 zu übernehmen. Am 4. September 2025 fand im Theater der erste offizielle Akt in Form einer aussergewöhnlichen GV statt: der aktuelle Vereins-Vorstand tritt per 31. Dezember 2025 zurück, der neue, designierte Vorstand wurde gewählt und wird ab 1. Januar 2026 die Verantwortung übernehmen. Auch die Ressorts-Verantwortlichen sind benannt. Im Oktober wir die Öffentlichkeit informiert werden, die feierliche Schlüsselübergabe ist Ende Jahr geplant.

Wenn man das THEATER STOK metaphorisch als Schiff betrachtet, sieht es so aus:
mit einem neuen Reeder und einer neuen Crew, werden die Anker am 1. Januar 2026 wieder gelichtet und die Reise unter neuer Flagge fortgesetzt werden.
Am 31. Dezember 2025, nach 34 Jahren auf See, werde ich von Bord gehen und vom Land aus mit einem weinenden und einem lachenden Auge dem Schiff und seiner Besatzung zuwinken und Gute Reise wünschen !

Peter Doppelfeld



NZZ Artikel vom 26. April 2025
Interview mit Rebekka Fässler, Co- Kulturdirektorin Präsidialdepartement Stadt Zürich
«Ein Cis-Mann darf spielen, was er will»

Die Kritik an der Konzeptförderung für Tanz und Theater reisst nicht ab. Die Co-Kultur-direktorin Rebekka Fässler erklärt im Gespräch mit Francesca Prader, warum die Stadt nicht nur an einzelne Theater denken kann.

Das neue Fördersystem der Stadt Zürich für Tanz und Theater hätte frischen Wind in die hiesige Szene bringen sollen. Bislang hat es aber vor allem für etwas gesorgt: an­haltende Kritik. Das jüngste Beispiel ist der Fall einer Theatergruppe, deren Fördergesuch abgelehnt wurde, weil die beurteilende Kommission nicht damit einverstanden war, dass die Rolle des Erzählers von einem «white passing Cis-Mann» gespielt würde.
Allein darüber, wie die Gelder verteilt wurden, wird fast zwei Jahre nach der Jurierung noch munter gestritten – auch juristisch, wobei die Gerichte bislang die Entscheide der Stadt stützen. Die beiden Kleinbühnen Keller 62 und Theater Stok müssen ohne Subventionen auskommen. Die Theater, die Geld bekommen, erhalten weniger als beantragt.

Weil ein «white passing Cis-Mann» eine bestimmte Rolle spielen sollte, bekommt eine Theatergruppe keine Subventionen. Kann das wirklich ein entscheidendes Kriterium sein?

Das hat eine gute Schlagzeile gegeben, die mich in ihrer Zuspitzung irritiert hat. Weil das Gesuch abgelehnt wurde, kann ich nicht konkret darauf eingehen. Was ich sagen kann, ist, dass die Absage auf mehreren inhaltlichen Gründen beruhte. Die Stadt würde ein Gesuch sicher nicht einzig aufgrund einer Rollenbesetzung oder eines Kriteriums «Diversity» ablehnen. Entscheidend ist, ob ein Gesuch künstlerisch und inhaltlich überzeugt.

Was stört denn daran, dass ein weisser Cis-Mann den Erzähler in Thomas Manns «Mario und der Zauberer» hätte spielen sollen?

Wie gesagt, kann ich mich zu konkreten Gesuchen nicht äussern. Allgemein kann ich sagen, dass die Kommission sich nicht per se an einem weissen Cis-Mann stört. Für die Beurteilung eines Fördergesuchs muss aber der Kontext des Vorhabens nachvollziehbar sein. Zum Beispiel: Sagen wir, eine 80-Jährige spielt eine 12-Jährige. Darf sie das? Ja, selbstverständlich. Auch ein Cis-Mann darf spielen, was er will. Wichtig ist, dass das Projekt in sich stimmig ist – also ob Inhalt, Ausdrucksform und Beteiligte gut zusammenpassen.

Aber es kann doch nicht die Aufgabe der Jury oder Kommission sein, sich mit einzelnen Rollenbesetzungen ­auseinanderzusetzen?

Wenn man 80 Gesuche hat und vielleicht 30 davon unterstützen kann, kann eine Rollenbesetzung ein Aspekt sein. Das Gesuch muss überzeugend darlegen, warum die 80-Jährige eine 12-Jährige spielt – vielleicht will man irritieren oder eine andere Ebene in das Stück bringen. Dann kann das durchaus Sinn ergeben.

Auch bei den Kleintheatern Stok und Keller 62 sollen Diversity-Kriterien, namentlich das Fehlen von gendergerechter Sprache, dazu geführt haben, dass die Gesuche abgelehnt wurden. Der Schwulenaktivist Ernst Ostertag sagt, das entbehre jeder Vernunft.

Richtig ist, dass die Diversität in einer ersten Auslegeordnung thematisiert wurde. Es war aber kein Argument, das zur Absage geführt hat. Ich verstehe Herrn Ostertag und welche Bedeutung der Keller 62 und das Theater Stok für seine Generation hatten. Heute würde man sagen, es war ein «safe space». Heute haben wir in Zürich ganz viele Bühnen, die sich mit verschiedenen sexuellen Ausrichtungen beschäftigen. Einen «safe space» in dem Sinn, wie es die beiden Kleintheater damals waren, braucht es eigentlich gar nicht mehr.

Das Theater Stok und der Keller 62 müssen sich gemäss Stadtrat neu erfinden. Kann man Innovation verordnen?

Eine Frage zurück: Kann man erwarten, dass man bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag öffentliche Mittel bekommt? Ich bedaure es, wenn die Stadt sich dazu entscheidet, etwas nicht mehr zu unterstützen. Aber wenn wir nie etwas streichen, dann bleibt immer alles beim Alten – und es fehlen die Mittel für neue Projekte.

Daniel Rohr vom Theater Rigiblick sagt, je mehr Publikum man anziehe, desto weniger Subventionen erhalte man. Subventioniert die Theaterförderung schlicht Sachen, die niemanden interessieren?

Die öffentliche Hand wird oft dort tätig, wo Kunst nicht selbsttragend sein kann. Wenn wir nur noch auf das Publikum schauen würden, müssten wir Netflix fördern. Man kann nicht einfach Publikumszahlen vergleichen.

Es geht ja nicht um Publikumszahlen, sondern um die Auslastung . . .

Ein Auftrag der öffentlichen Hand ist die Förderung von kultureller Vielfalt. Ein Theater Winkelwiese kann nicht gleich viel Publikum anziehen wie das Rigiblick, rein von den Räumlichkeiten her. Aber es hat beispielsweise den Auftrag, junge Dramatikerinnen und Dramatiker zu fördern oder neue Stücke auf die Bühne zu bringen.

Vonseiten der Kulturschaffenden heisst es, das neue System sei zu bürokratisch und nicht für etwas so Dynamisches wie Kultur geeignet.

Das ist die grosse Crux der Kulturförderung. Einerseits müssen wir den Erwartungen von Verwaltung und Politik gerecht werden – und dazu gehört auch bürokratisches, wie eine saubere Buchhaltung oder Reporting. Dem gegenüber steht die Kultur, die sich stetig wandelt. Wir hinken immer etwas hinterher.

Wie meinen Sie das?

Wir müssen uns immer neu die Frage stellen, welche Bereiche wir fördern können. Wir fangen jetzt damit an, ein Förder­gefäss für neue Medien zu entwickeln – dabei gibt es Kunstschaffende, die schon lange mit Technologien wie virtuellen Realitäten oder Software arbeiten. Gleichzeitig muss man bedenken, dass die neue Konzeptförderung auf den politischen Wunsch zurückgeht, dass nicht immer noch mehr Gelder gesprochen werden sollen.

Genau das zeichnet sich nun aber ab. Der Gemeinderat hat den Stadtrat aufgefordert, substanziell mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Wie stehen Sie dazu?

Als Kulturdirektorin bin ich natürlich immer dafür, dass man gute Rahmenbedingungen für die Kultur schafft und genug Mittel zur Verfügung stellt. Kultur ist in einer Stadt wie Zürich sehr wichtig. Wir profitieren alle davon, wenn wir eine pulsierende, vielfältige Kulturszene haben. Da kann ich nicht dagegen sein.

Wie sähe das ideale Modell aus?

Perfekt wäre ein Modell, bei dem man den Theatern einfach hätte sagen können: Bewerbt euch. Die Jury würde dann die Gesuche begutachten und beim Stadtrat die nötigen Gelder beantragen. Ohne einen finanziellen Deckel.

Es wäre aber auch ein Fass ohne Boden . . .

Meine Rolle als Kulturdirektorin ist, mich für die Kultur und die Kulturschaffenden einzusetzen. Wenn Stadt und Gemeinderat den Betrag erhöhen können und möchten, würden wir uns natürlich freuen. Denn viele Konzepte können jetzt nicht so umgesetzt werden, wie es gewünscht war. Aber es stimmt natürlich, dass es tendenziell immer mehr würde. Deshalb braucht es diese Mechanismen und Limiten, die das Ergebnis eines politischen Aushandelns sind. Die Mittel, die hier einfliessen, sind schliesslich Steuergelder. Man muss genau hinschauen.

Sie haben Kultur einmal als «permanente Baustelle» bezeichnet. Gilt das auch für die Tanz- und Theaterförderung?

Wir sammeln Erfahrungen, Lob und Kritik. Vor der nächsten 6-Jahres-Vergaberunde gibt es einen Bericht, den der Stadtrat dem Gemeinderat unterbreiten muss. Darin sollen dann die Learnings stehen und Vorschläge für allfällige Veränderungen. Ich hoffe, dass wir eine gute Form finden werden, die sich mit den Bedürfnissen der Kulturschaffenden weiterentwickeln kann. Wichtig ist, dass man nicht in Institutionen denkt, sondern in Landschaften.

Das heisst?

Das heisst, dass man nicht nur an einzelne Theater denkt, sondern die ganze Tanz- und Theaterlandschaft im Blick hat – auch neue Ideen und Projekte sollen dabei eine faire Chance bekommen. Wir haben bei den Musik-Institutionen eine ähnliche Situation. Auch hier ist historisch gewachsen, wer gefördert wird. Beispielsweise die Tonhalle oder das Zürcher Kammerorchester. Zudem gibt es spannende neue Initiativen. Dazu kommen auch Erwartungen beispielsweise von den Musikklubs.

Es ist doch nicht Aufgabe der Kulturförderung, Klubs zu unterstützen.
Man müsste genau schauen, was der künstlerische Part, der künstlerische Auftrag ist. Wenn es allein darum geht, den Gastrobereich zu fördern, dann sind wir als Kulturförderung die falsche Adresse.


NZZ Donnerstag 25. April 2024
Das Zürcher Theater Stok sucht einen Sponsor

Die Kleinbühne erhält keine Subventionen mehr und steht vor dem Aus – nun hat sie einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen

Francesca Prader

Zwei Kerzen erleuchten das Gewölbe des Theater Stok im Zürcher Kreis 1 unweit des Kunsthauses. Das «welt-berühmte Medium Signora Stella» stellt ihre rot leuchtende Kristallkugel auf ein Tischchen in der Mitte der Bühne und setzt sich auf einen Hocker. «Turicum schluckt Vorhänge! Turicum spuckt Vorhänge.» Unzählige goldene Pailletten, die Schal und Kleider schmücken, klimpern bei der kleinsten Bewegung.

Signora Stella schliesst die schwarz geschminkten Augen, reibt sich die Stirn und klagt mit dem rollenden «R» eines theatralisch-südländischen Akzents über die Lasten des Daseins als Medium. Den Theaterdirektor Peter Doppelfeld, der wissen möchte, was ihre kryptischen Botschaften bedeuten, versucht sie auf später zu vertrösten, bis er die magisch anmutende Frage «Gehen Sie nie ins Theater?» formuliert und es so schafft, sie ins Hier und Jetzt zu holen.

Medium und Theaterdirektor

Das Hier und Jetzt ist ein Mittwochvormittag, der Anlass eine Medieninformation der ungewohnten Art. Die Wahrsagerin Signora Stella heisst im richtigen Leben Christina Steybe und ist Schauspielerin, Peter Doppelfeld leitet das Kleintheater – und wäre vermutlich nicht unglücklich, tatsächlich einen Blick in die Zukunft werfen zu können. Denn diese ist bestenfalls ungewiss, schlimmstenfalls düster.

So zumindest erscheint es, als das Medium und der Theaterdirektor den drei Zuschauern und dem Techniker gesten- und metaphernreich nacherzählen, was sich im Jahr 2023, als «der Schneemann fast eine Stunde lang brennen musste, bis es knallte», ereignet hat. Ein ganz böses Omen sei das gewesen, sagt Doppelfeld händeringend. Noch bevor der Sommer kam, wurde bekannt, dass die beiden Kleintheater Keller 62 und Stok keine städtischen Subventionen mehr erhalten werden. Nicht innovativ und inklusiv genug seien sie, das Theater Stok zudem zu vergangenheitsbezogen, urteilte die zuständige Jury, die entschied, wer gemäss dem neuen Förderkonzept für Tanz und Theater von der Stadt unterstützt werden soll.

Die Kritik am Subventionsstopp liess damals nicht lange auf sich warten. Beide Theater gelangten an den Bezirksrat – ohne Erfolg. Politikerinnen und Politiker machten ihrem Unmut darüber, dass neu das Zirkusquartier städtische Gelder erhalten soll, aber die beiden etablierten Kleinbühnen nicht, Luft. Auch Kunstschaffende weibelten für den Erhalt der beiden Bühnen. Der Zürcher Schwulenaktivist Ernst Ostertag wandte sich in einem offenen Brief an Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP). Zudem sammelten die Kleintheater Unterschriften. Innert vier Wochen kamen 6472 zusammen. Am Entscheid zur Verteilung der Fördergelder war dennoch nicht zu rütteln. Noch bis 2025 erhalten die beiden Kleintheater Abfederungsbeiträge, um sich neu zu orientieren. Beim Keller 62 sind es 150 000 Franken, beim Theater Stok 270 700 Franken.

Als der Böögg nicht brannte

«Was ist los mit der Zürcher Theaterlandschaft?», will Doppelfeld von Signora Stella im Theater Stok wissen. Sie sieht drohende Signale. «Turicum schluckt Vorhänge! Turicum spuckt Vorhänge», wiederholt sie beschwörend. Das heisse wohl «Theater gehen zu, Theater machen auf». Zürich liege in Trümmern, sagt Signora Stella mit zittriger Stimme. Am Tag des Entscheids sei das Zürcher Stadthaus eingestürzt.

Wie soll es nun, «im Jahr, als der Böögg nicht brannte», weitergehen? Während der Keller 62 den Entscheid des Bezirksrats ans Verwaltungsgericht weitergezogen hat, haben Peter Doppelfeld und seine Mitstreiter im Theater Stok einen anderen Weg eingeschlagen. «Wir haben schon zu viel Geld für einen Anwalt ausgegeben», resümiert Doppelfeld. Einen Lichtblick gebe es aber, sagt er, und zwar in Bezug auf den weiteren Verbleib des Theater Stok in seinen angestammten Räumlichkeiten am Hirschengraben. Das Gebäude gehört der Stadt, der Mietvertrag ist an Subventionen gebunden. Mit dem Ende der städtischen Gelder mussten Doppelfeld und seine Leute befürchten, dass der Vertrag nicht erneuert werden könnte.

Diese Befürchtung ist inzwischen zerstreut. In einer Absichtserklärung, welche der NZZ vorliegt, hat sich die Stadt bereit erklärt, dem Verein Theater Stok die Räume auch dann noch zu vermieten, wenn der Verein nicht mehr unterstützt wird. Voraussetzung sei unter anderem, dass der Verein Miete bezahle. Die Details des neuen Mietvertrags müssen noch verhandelt werden. Doppelfeld rechnet mit gut 64 000 Franken Miete pro Jahr. Es ist ein Betrag, den sich das Theater Stok nicht leisten kann. Man habe gehofft, dass man sich auf einen symbolischen Mietbetrag würde einigen können – vergeblich. «Das käme einer Subvention gleich, und die ist ja gestrichen», sagt Doppelfeld.

Unverständnis bleibt

Doch nun, da die Absichtserklärung der Stadt da sei, «können wir uns endlich auf die Suche nach dem nötigen Geld machen», sagt Doppelfeld. Damit die Scheinwerfer im Theater Stok auch nach 2025 – wenn die Abfederungsbeiträge der Stadt enden – noch leuchten könnten, brauche es einen Sponsor oder eine Mäzenin, erklärt Doppelfeld. Das Ziel sei, eine Million Franken für die nächsten vier Jahre aufzutreiben. Gelinge das nicht, sei das Theater Stok Geschichte.

Im fiktiven Gespräch mit Signora Stella erinnert Doppelfeld daran, dass Emil Bührle in den 1940er Jahren dem Zürcher Kunsthaus 2 Millionen Franken für einen Erweiterungsbau des Museums gespendet habe. Zu möglichen Geldgebern für das Theater Stok will Doppelfeld sich nicht äussern, es sei noch zu früh dafür. Die Stadt Zürich habe angeboten, bei der Suche nach Geldgebern zu helfen.

Auch Lubosch Held, Leiter des Keller 62, gibt sich auf Anfrage gegenüber der NZZ kämpferisch. Der Prozess am Verwaltungsgericht sei auf Kurs, seit Februar warte man nun auf ein Urteil. Auch zwölf Monate nach dem Entscheid um die Subventionen sei die Unterstützung für den Keller 62 riesig.

Nach wie vor sei unverständlich, wie die Stadt den Kleinbühnen die Unterstützung streichen und gleichzeitig behaupten könne, sie wolle sie erhalten, sagt Held. «Kein Theater der Welt kann sich ohne Subventionen neu ausrichten.» Es mute zynisch an, dass die Stadt gleichzeitig Millionenbeträge in die Rote Fabrik einschiesse, welche knapp vor dem Ruin stehe. Gleichzeitig würden zwei Theater, «die billiger nicht sein könnten und gut funktionieren», ausgelöscht.


Gegen den Entscheid des Stadtrates, das THEATER STOK ab 2026 nicht mehr zu subventionieren, reichten wir einen Rekurs ein. Der – leider negative – Entscheid des Bezirksrats kam im Januar.

We make it
Am Freitag 27. Oktober endete die WEMAKEIT-Kampagne erfolgreich, es kamen 30’625 Franken zusammen !
Wir danken allen Spendern sehr herzlich für ihre Beiträge.

Mittwoch 27. September, startete unsere WEMAKEIT-KAMPAGNE, mit der wir versuchen, die Anwaltskosten für den Rekurs zu decken. Wir haben uns für WEMAKEIT entschieden, weil die 30 000 Franken für die dringend benötigte Rechtshilfe die finanziellen Möglichkeiten der beiden Theater Keller62 und Theater STOK übersteigen.
Wir sammeln gemeinsam und wir kämpfen auch gemeinsam. Keller62 und Theater STOK. Und wir teilen uns das Geld auf. Jeder Franken hilft. Es gibt viele, sehr coole und auch lustige Belohnungen. Postet den Link, macht auf uns aufmerksam. Macht mit.

Konzeptförderung – Entscheid Gemeinderat
Am Mittwoch, 12. Juli hat der Gemeinderat über die Vorschläge des Stadtrats befunden, welche Theater unterstützt werden sollen. Dabei zeigte sich: Von ganz links bis ganz rechts ist man unzufrieden. Die traditionsreichen Kleintheater Theater Stok und Keller 62 empfanden die Jury und der Stadtrat als zu unbedeutend für die Theaterlandschaft. Bei der Abstimmung ist der Gemeinderat dem Antrag des Stadtrates gefolgt und hat  den beiden Theatern für die Jahre 2024 und 2025 einen sogenannten Abfederungsbeitrag zugesprochen. Diese Beiträge sollen es den Theatern ermöglichen, eine Zukunft ohne Subventionen zu entwickeln. Die Verantwortlichen der beiden Häuser bezweifeln allerdings, ob das möglich ist.

Rettungsversuche für Theater Stok und Keller 62

Mit einem Vorstoss versuchten Urs Riklin (Grüne) und Roger Föhn (EVP) die beiden Kleintheater noch zu retten. Das Postulat verlangt vom Stadtrat, dass er die Theater bis 2029 unterstützt, wenn dann neue Fördergelder vergeben werden. Die Stadtpräsidentin Corine Mauch zeigte sich bereit, das Postulat zu prüfen. Allerdings habe man rechtliche Bedenken, ob sich der Vorstoss umsetzen lasse. Gegen den Entscheid des Stadtrates läuft zur Zeit ein Rekurs. Der Entscheid des Bezirksrats wird im Herbst erwartet.
Das Theater Stok und der Keller62 werden also weiterhin um ihre Existenz zittern müssen.

Wir danken allen, die sich in den letzten Wochen für das Theater Stok und den Keller62 eingesetzt haben. Die unsere Petition unterstützt haben, die wir mit über 6200 Unterschriften der Stadtpräsidentin übergeben konnten, die Informationen gelesen, nachgefragt und mit uns diskutiert haben. Die sich mit Briefen, e-mails und in Gesprächen an PolitikerInnen gewandt und sich für die kleineren Theaterhäuser der Stadt Zürich und für das Theater Stok und den Keller62 stark gemacht haben. Dieser Rückhalt ist wertvoll und motivierend.

aktuell:
Postulat vom 23. August: https://www.theater-stok.ch/content/uploads/2023/08/postulat-capaul-bourgeois.png
Schriftliche Anfrage vom 23. August: https://www.gemeinderat-zuerich.ch/geschaefte/detail.php?gid=d30b3a9f8aa04b32853450519895b653
NZZ vom 29. August: https://www.theater-stok.ch/content/uploads/2023/09/NZZ-29.-Aug.-2023.pdf
NZZ vom 30. August: https://www.theater-stok.ch/content/uploads/2023/09/NZZ-30.-Aug.-2023.pdf


Petitionsübergabe