Zum 50 Jahre Jubiläum

Theater Stok im DRS 1, 7. Juli 2020
Theater Stok im DRS 2, 9. Juli 2020


Ein Jubiläum in Zeiten der Krise
Das Theater Stok in Zürich feiert im April sein 50-jähriges Bestehen.
Das Coronavirus durchkreuzt nun die Jubiläumspläne.

Daniel Diriwächter, Limmattaler Zeitung, 4. April 2020

Peter Doppelfeld war 17 Jahre alt, als er das erste Mal das Theater Stok in Zürich betrat. Es war im Jahr 1976 und der KV-Lehrling zeigte schon damals ein brennendes Interesse für Literatur und Theater. Gespielt wurde „Glückliche Tage“ des irischen Schriftstellers Samuel Beckett. Ein Schlüsselmoment für Doppelfeld. Nicht nur die Inszenierung des Theatergründers Zbigniew Stok imponierte ihm, sondern auch die Schauspielerein Erica Hänssler, damalige Partnerin und Lebensgefährtin von Stok. Sie sollte Jahre später in Doppelfelds Leben eine bedeutende Rolle spielen.

Heute ist Doppelfeld selbst der Leiter des Theaters Stok und die Kulturstätte blickt auf 50 Jahre des Bestehens zurück: Am 4. April 1970 öffnete das Theater erstmals seine Tore. Entsprechend hätten in diesen Tagen die Jubiläumsfeierlichkeiten beginnen sollen mit dem traditionellen Geburtstagsfest, welches das Theater jedes Jahr ausrichtet, oder die Teilnahme an der Reihe „Sich erinnern“ im Museum Strauhof. Aufgrund der ausserordentlichen Coronavirus-Situation wurden nun alle Anlässe abgesagt. „Wir leben in besonderen, unglücklichen Zeiten“, sagt Doppelfeld.

Denn das Herzstück des Jubiläums hätte nicht auf der Bühne, sondern im Stadtarchiv Zürich stattgefunden. Für drei Monate sollte dort die Retrospektive „Theater Leben – 50 Jahre Theater Stok“ gezeigt werden. Die Geschichte des Theaters, kuratiert von Christina Steybe, wird darin mit Informationstafeln und Plakaten, mit Masken und Kostümen aus über 80 Eigenproduktionen, vermittelt. Die Arbeit soll nicht umsonst gewesen sein. „Die Ausstellung wird verschoben“, versichert Steybe.

Mit Leidenschaft für die Bühne gesegnet

Es ist eine Ausstellung, auf die es sich zu warten lohnt. Zbignew Stok aus Warschau, 1924 geboren, schaute bereits vor der Theatergründung auf ein Leben zurück, das genügend Stoff für ein Stück hergeben würde. Er überlebte das Konzentrationslager Lublin-Majdanek und war der jüngste Theaterintendant Polens – um nur zwei Meilensteine zu nennen. 1968 wurde Zürich seine Wahlheimat und zwei Jahre später eröffnete er sein Theater mit dem Stück „Zwei auf der Schaukel“ von William Gibson. Zunächst noch in einem Provisorium an der Leonhardstrasse, zog man ab Oktober 1971 in einen ehemaligen Weinkeller am Hirschengraben, wo das Theater bis heute beheimatet ist. Unter dem Kreuzgewölbe finden rund 80 Zuschauende Platz.

Zwei Jahre später traf Stok auf Erica Hänssler, welche die Schauspielausbildung unter seiner Obhut absolvierte. Beide hatten eine grosse Leidenschaft für die Bühne. Das kleine Ensemble konnte allerdings wegen Geldmangels nur bis 1979 aufrechterhalten werden. Danach begannen sie, Soloprojekte für Hänssler zu erarbeiten. Es waren Stücke nach Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche oder Franz Kafka. Mit diesen Aufführungen prägte das Paar die Zürcher Theaterszene.

Im Jahr 1990 starb Stok nach langer Krankheit und Hänssler führte das Theater alleine weiter. Zwei Jahre später trat Peter Doppelfeld in ihr Leben, sowohl beruflich wie privat. Hänssler bezeichnete ihn als „Glücksfall“. Sie arbeiteten fortan gemeinsam und verfolgten den bereits etablierten Stil. Sie führten als Allrounder den kompletten Theaterbetrieb zu zweit. „Wir haben nie einen Mainstream bedient, sondern uns bewusst für das, was uns gerade bewegte, entschieden. Wir führten viele Gespräche und Diskussionen über Kunst und Literatur und liessen uns von deren Inhalten für eine Zeit leiten.“

So entstanden ganz eigene Aufführungen. „Die Beschäftigung mit den Themen führte auch zu Konfrontationen, die waren aber immer geprägt von gegenseitigem Respekt“, sagt Doppelfeld über die gemeinsame Zeit.
Das Paar lebte nicht nur für das Theater, es wohnte auch in einem Theatermuseum. Dabei handelt es sich um ein Haus am Sihlquai, in das Hänssler 1976 mit Zbigniew Stok einzog und buchstäblich füllte: Die aus ihren Eigenproduktionen stammenden Kostüme, Masken, Plakate, Programme und vieles mehr fanden auf zwei Etagen sowie im Treppenhaus ein neues Zuhause. Tatsächlich wähnt man sich in einem „Haus der Feen und Faune“, so der Name des Gebäudes, wenn man es betritt. Neben dem Leiten des Theaterbetriebs und ihren Eigenproduktionen organisierten Hänssler und Doppelfeld auch Führungen in ihrem Museum.

Ein Schicksalsschlag sorgte für das Ende dieser Ära: Im Januar 2016 erlag Hänssler einem Krebsleiden. Die „NZZ“ würdigte sie im Nachruf als „Realistin der Träume“. Doch als hätte sie etwas geahnt, dachte sie über ihren Rücktritt nach. „Bereits zwei Jahre vor der Krebsdiagnose sagte mir Erica, sie wolle sich von der Bühne zurückziehen und ich solle mir überlegen, wie ich das Theater alleine weiterführen kann“, sagt Doppelfeld. Doch die Krankheit forderte einen rund einjährigen Überlebenskampf, den die Theaterfrau verlor. Doppelfeld, der heute noch im Museum wohnt, gab nicht auf: „Ich sagte mir, ich führe das Theater Stok weiter.“

Offen bleiben für die freie Szene

Der Theaterleiter will in den Zeiten nach der Krise auf das bisherige Konzept setzen. das Theater Stok ist auch eine Bühne für Gastspiele. Die Sängerin La Lupa tritt seit 30 Jahren regelmässig im „Stok“ auf, die „Oper im Knopfloch“ kann dort ebenso erlebt werden wie das Theater 58 mit seinen Silja Walter-Stücken. „Wie vor 50 Jahren fehlt Geld, um ein Ensemble zu engagieren. Das Theater erhält zwar seit 1983 Subventionen, grosse Berge kann man damit aber nicht versetzen. Konkret spricht die Stadt 33‘350 Franken für die Betriebskosten sowie den Betrag für die Mietkosten.“

Das Kellertheater ist offen für die freie Szene. „Klar ist, dass wir kein Kinder- und Jugendtheater sind, auch keine Comedy-Bühne und ebenso sind wir zu klein für Tanzaufführungen und Musikbands.“ Die Bühne ist frei für Lesungen, Theaterstücke, für bekannte und noch unbekannte Kunstschaffende, die Energie, Zeit und Leidenschaft in ihre Auftritte investieren. Ausserdem finden interkulturelle Festivals statt, die vielfarbige Begegnungen möglich machen.

Doppelfeld selbst ist hin und wieder auf der Bühne zu sehen. Vor drei Jahren spielte er sein erstes Solostück mit dem Titel „Das Milchstrassen-alphabet“, das auf Hänsslers Texten basierte. „Ich brauchte Mut, alleine auf der Bühne zu stehen. Doch mit Mut und intensiven Vorbereitungen wuchs die Überzeugung: Das kommt gut.“ Das wünscht er sich auch für die Zukunft seines Theaters. Aber wegen des Coronavirus sind die Aussichten nun getrübt. Wie sich die Schliessung auf die Finanzen auswirkt, bleibt abzuwarten. „Prognosen sind schwierig.“ Dabei sind die Pläne für die neue Saison ab Herbst in vollem Gang. Miriam Lustig wird als künstlerische Leitung zum Team von Christina Steybe und Peter Doppelfeld stossen. Gemeinsam wollen sie ein neues Kapitel für das Theater Stok aufschlagen.