Zum Tod von Erica Hänssler Nachruf der NZZ und Pressemitteilung

Neue Zürcher Zeitung vom 13.01.2016, Seite 40: Nachruf

Realistin der Träume

Die Lebensgesamtkünstlerin Erica Hänssler ist gestorben

Ihr Schloss steht am Dichterstrand dicht an der Sihl. Dort lebte sie Seite an Seite mit Joachim Ringelnatz, mit Morgenstern, Kästner, Karl Valentin und auch mit Wilhelm Busch. Wer Erica Hänssler sah, alterslos bis zum Schluss, wer mit ihr sprach, traf auf ein Wesen, das sich selber geträumt zu haben schien.

Poeten, Puppen, Gespenster

Sie teilte ihr Wohntheater am Fluss mit den Poeten, denen ihr Herz gehörte, und mit anderen Geistern, Puppen, Masken, Figuren, Gespenstern, den Geschöpfen ihrer Phantasie. «Manchmal ist das ganze Haus ein Murmeln», sagte sie. Werkstatt, Wohnung, Kulissenlager in einem ist dieses Haus, das «Haus der Feen und Faune», die Tische tragen Schuhe, und es ist bei Strafe verboten, kein Kind mehr zu sein.

Besucher werden von riesigen Seifenblasen empfangen und wandern hier durch Hänsslers Räume und Leben, um das alte Staunen wieder neu zu entdecken. Am Zürcher Sihlquai 252 steht Erica Hänsslers Erbe, sie hat es vom Abbruchobjekt in ihr Denkmal zu Lebzeiten verzaubert.

Sie nähte, hämmerte hier ihre Requisiten oder gab alten auf der Bühne des Theaters Stock eine neue Identität. «Spiel, Bild, Kostüm, Textbearbeitung, Musik: Erica Hänssler», hiess es dann. Und Hänssler spielte magisches Theater in dem eigenhändig ausgemalten Barockgewölbe am Hirschengraben – ein Ort der Philosophen und der Poeten, der Originale.

Ohne Zbignew Stok (1924–1990), den polnischen Theateremigranten, kein Theater Stok. Ein Förderkreis um Emil Landoldt, Adolf Muschg und andere hatte sich dafür eingesetzt, dass Stok 1970 am Hirschengraben in einem stadteigenen Keller eine eigene, feste Bühne bekam. Erica Hänssler, in Zürich aufgewachsen, war von Beginn weg als Schauspielerin dabei, nach Stoks Tod mit halbem Geld, ohne Ensemble, aber mit doppeltem Elan.

Und unterstützt von ihrem Lebenspartner Peter Doppelfeld. Das kleine Theater wurde ihre literarisch-philosophische Werk- und Wirkungsstätte, mit einer Fülle von Eigenproduktionen von unverwechselbarer Handschrift und berstend von gesamtkünstlerischer Gestaltungsenergie.

Unvergessene Aufführungen

Unvergessen die «Blaue Stunde» in Erinnerung an Else Lasker-Schüler oder «Teufelsgeschichten» nach Willem Flusser. Ein Ereignis, wortwörtlich ihr «Märchen vom letzten Gedanken», nach dem Roman des Shoah-Überlebenden und vielfach ausgezeichneten Edgar Hilsenrath. Der Autor und Alfred-Döblin-Preis-Träger selbst war im Publikum anwesend, als die Hänssler spielte, und sie spielte, indem sie nach Karl Kraus die Fackel hochhielt – sie bekannte Persönlichkeit, nicht Farbe.

Sie lebte im Theater Stok und in ihrem Theatermuseum in der ehemaligen Fabrikantenvilla ein Theaterleben, das ein Lebenstheater war aus Groteske, Satire und Märchen.

Doch was sich leicht sagen lässt, war harte Arbeit. Nicht umsonst gab Erica Hänssler bereits Mitte der neunziger Jahre einer Spielzeit das Motto, nach Busch: «Besonders tief und voll Empörung / fühlt man die pekuniäre Störung.» Doch ob von der Stadt mit einem Butterbrot oder einem Brot ohne Butter unterstützt, die Künstlerin war zu sehr Realistin, um nicht Träumerin zu sein.

Jetzt ist Erica Hänssler im Alter von nur 68 Jahren ihrem Krebsleiden erlegen. Zürich verliert mit ihr eine Persönlichkeit und das Theater eine Fee der Phantasie.

Daniele Muscionico


 

Pressemitteilung zum Tod von Erica Hänssler

Die langjährige Leiterin des THEATER STOK ist am 1. Januar an Krebs gestorben.

ERICA HÄNSSLER, geboren 1947, verbrachte ihre Schul- und Jugendzeit in Zürich und Vevey. Zwei Jahre Grafikerlehre bei Nestlé in Vevey, als Germanistik-Studentin in Wien, als Flugbegleiterin bei Swissair, kam sie 1973 zu und in Zbigniew Stoks Kammertheater in Zürich, wo sie ihre dreijährige Schauspielausbildung bei Elisabeth Barth und unter Stoks Obhut absolvierte und mit dem Diplom der Kammerschauspielerin in Karlsruhe abschloss. Auf die Ensemble-Inszenierungen musste aus finanziellen Gründen verzichtet werden. So begannen ihre Soloprojekte nach literarischen Gesamtwerken.

Erica Hänssler als Schauspielerin bezeichnen zu wollen, wäre nur ein Teil ihres Schaffens. Die ursprünglich nicht für die Bühne geschriebenen Texte umfassten Ansätze aus Religion, Philosophie, Dichtung und bildender Kunst. Es entstanden jährlich eine neue Eigenproduktion; ein laufender Prozess des Schaffens, Findens und Fragens, bei dem von der Anfangsidee bis zur Bühnenfassung, also Text, Dramaturgie, Bühnenbild, Masken, Musik, Kostüm und Plakat alles von Erica Hänssler selbst gestaltet wurde. Die Produktionen waren Schöpfungen eigener Art: Gedanken, Empfindungen, Ideen, Emotionen, sie reiften in ihrer gesamten, umfassenden Persönlichkeit, bis sie schliesslich als gesammelte, bewusst gestaute Energien zum Aus-Druck auf der Bühne gereift waren.

Keine Workshops, keine Meisterklassen, keine Preise, aber Theater-Total im, für und durch das THEATER STOK, getrieben vom weiblichen Instinkt, unerschrocken, von unermüdlicher Begeisterung beseelt, an die Unsterblichkeit des Wortes glaubend.

Mit Erica Hänssler verliert die Stadt Zürich eine ausserordentliche Persönlichkeit,
die die Kultur der Stadt über viele Jahre mit beeinflusst hat, durch ihre Vielseitigkeit vielen Bühnenkünstlern als Vorbild gedient und zahllosen Zuschauern im In- und Ausland durch 60 Eigenproduktionen unvergessliche Vorstellungen und Begegnungen geschenkt hat.

Seit 1992 lebte sie in Liebes- Lebens- und Arbeitspartnerschaft mit Peter Doppelfeld, der bereit ist, im THEATER STOK weiter Solisten, Tätigen, Originalen und Konsequenten eine Bühne zu ermöglichen und das Theater in eine neue Zukunft zu führen.

Eine weitere Dimension ihres THEATER TOTAL sind die Buchpublikationen «Theatertagebuch» und «Das Milchstrassenalphabet» und seit 2001 das THEATERMUSEUM am Sihlquai 252 in Zürich. Dort gibt es die vielfältigsten Masken und Kostüme, Stab- und Handpuppen, Musikinstrumente, selbstgefertigte Skulpturen, Plakate, Fotographien. Es präsentiert eine Welt des Traums, des Zaubers und der Poesie.

Für Fragen oder weitere Informationen stehe ich gerne zur Verfügung.
Peter Doppelfeld / theater_stok@bluewin.ch